Weltrekordhalter im Rückwärtslaufen im Halbmarathon in 1:35:49 h
   
  Achim-Aretz
  ... Hamburg-Blankenese
 
8. Blankeneser Heldenlauf in Hamburg, Halbmarathonlauf am 29.8.2010:

3 Wochen nach der WM wollte ich mal wieder meine Retroform überprüfen. Dafür wollte ich mir eine flache, rückwärtslauffreundliche Strecke aussuchen. Es sprang mir ein Lauf in Hamburg-Blankenese ins Auge, da ich ja im Geowissenschaftsstudium aufgepasst hatte. Hamburg liegt im Norden, das wusste ich, und im Norden befindet sich auch das durch die Eiszeiten geprägte Norddeutsche Tiefland. Also muss sich Hamburg auch im Norddeutschen Tiefland befinden und demnach flach sein. Es sollte sich zeigen, dass diese Annahme auf eine im wahrsten Sinne des Wortes brutale Art und Weise widerlegt werden sollte.

Zunächst einmal war ich jedoch völlig überrascht davon, wie groß das mediale Interesse war.
Nachdem in Bremerhaven 6 Woche zuvor fast niemand Notiz davon nahm, dass ich rückwärts lief, meldeten sich nun die größte Hamburger Zeitung, die DPA und die Fernsehsender NDR und SAT.1 zum Lauf an. Vor dem Start kam es zu einem halben Interviewmarathon, und der Halbmarathon sollte ja noch folgen! Als ein Läufer mir die Startnummer am Rücken befestigte, stand keine Fernsehkamera still. Der Organisator stellte mich vor der gesammelten Läuferschar vor und verkündete, dass ich den Halbmarathon rückwärts laufen würde. 

Als der Startschuss fiel, bemerkte ich, dass ich mich zu weit nach hinten gestellt hatte. Das Anfangstempo war mir deutlich zu langsam. Sicherheitshalber drehte ich mich auf den ersten Hunderten Meter pausenlos über die rechte Schulter um, auf die ich mich mit den Fotographen geeinigt hatte. So überholte ich Läufergruppe um Läufergruppe. Es ging idyllisch am Elbufer entlang, die Straße war breit, so konnte es weitergehen. Nach 3 km kam dann aber eine Linkskurve und wir entfernten uns von der Elbe. Die anderen Läufer, die mich erblickten, waren erfreut und überrascht zugleich. Einer sagte: „Du läufst hier unter 4:30!“, andere sagten „klasse“ oder „Respekt“.



Ich fühlte mich gut und legte die ersten 5 km in 22:25 Minuten zurück. In diesem Tempo lief ich auch die nächsten Kilometer weiter. Manchmal lief ich fast auf Läufer auf, die den 6 km-Lauf liefen und immer wieder auf die Halbmarathonstrecke geleitet wurden. Ich musste also ständig vorsichtig sein. Augen auf im Straßenverkehr, dachte ich mir. Auf einmal musste ich meine Augen im Waldverkehr offenhalten, weil wir in den Wald liefen. Diesen Untergrund habe ich im Training bislang vermieden. Die Sturzgefahr bedingt durch Wurzeln und Äste ist einfach deutlich größer. Außerdem verengte sich die Wegesbreite zunehmend. Ich musste mich nun stärker konzentieren und meinen Blick ständig zurück richten. 

Bei km 10 hatte ich eine Zwischenzeit von 44:37 Minuten. Bislang war alles super gelaufen und ich war ein bisschen traurig, dass die Hälfte fast schon vorbei war. Und plötzlich kamen die ersten Treppen. Ich bin zuvor noch nie Treppen rückwärts hochgelaufen. Die ersten Stufen versuchte ich ohne Benutzung des Geländers zu meisten. Dabei hätte ich mich fast hingelegt. Nun gut, also besser das Geländer benutzen und sich rückwärts gehend am Geländer hochziehen, war meine Devise. Dabei wurde ich natürlich von einigen Läufern überholt, die auf die Idee kamen, die Treppen vorwärts hochzulaufen! Als es wieder runterging, fragte ich einen Läufer, ob das nun die letzten Stufen waren. „Pillepalle“ sagte er, „ist das bis jetzt gewesen.“ 

Bei km 13 dann kam nach einem heftigen Straßenanstieg einer der  härtesten Treppenwände, die ich jemals hochgelaufen bin. Ich konnte das Ende der Stufen nicht erkennen, als ich unten stand. Es müssen mehr als 100 gewesen sein. Das Geländer war durchgehend von Pflanzen, zum Beispiel von Brennesseln, bedeckt. Dennoch hatte ich keine andere Wahl, als es zu Hilfe zu nehmen. An dieser Treppe muss ich wirklich ziemlich erbärmlich ausgesehen haben. Mit jedem Absatz wurde es härter und es hat ewig gedauert, bis ich endlich oben war. Gott sei Dank geht es jetzt wieder runter, dachte ich mir. Dann fiel mir auf, dass die Strecke auf einem Waldweg nach unten verlief. Es gab immer wieder Kurven, und auf dem Weg lauerten Hindernisse wie große Steine, einzelne Treppen und Wurzeln. „Was tu ich hier?“ war eine kurze Frage. Aber ich hatte keine Zeit, sie zu beantworten, weil ich mich so stark konzentrieren musste. 10 Meter vor mir fiel ein Läufer hin. Er stand schnell wieder auf und erkannte schnell: „Man sollte hier rückwärts runterlaufen“. Mein Kopf war nun minutenlang gedreht. Ich war saufroh, als wieder Asphalt unter meinen Schuhen war.

Nach 16 km war ich sehr froh, als ein Läufer auf die Frage, ob noch Treppen kommen, diese verneinte. Jedoch komme noch ein heftiger Waldanstieg. 500 m weiter bat er um Entschuldigung. Eine Treppe hätte er vergessen. So langsam schwanden meine Kräfte. Wieder ging es auf einem Waldweg runter, wieder musste ich mich höllisch konzentrieren.

Nach 18 km raubte mir der Waldanstieg, dessen Untergrund aus Laub und Steinen bestand, die letzten Kräfte. Irgendwie schaffte ich es nach oben. Auf den letzten 2 km spürte ich meine Füße besonders stark. Außerdem war mir aufgrund des langen pausenlosen Umdrehens schwindelig. Kraftlos aber glücklich überquerte ich unter großem Applaus nach 1:44:49 Stunden als 195. von 1204 Finishern die Ziellinie. Der Lauf war alles andere als flach gewesen.


Kaum hatte ich mich wieder umgedreht, warteten die Fotographen und Mikrofone auf mich.
Für den einen Sender sollte ich noch einmal ein paar Treppenstufen hochlaufen, um gute Aufnahmen zu ermöglichen. Und für den anderen Sender sollte ich noch ein paar Meter rückwärts laufen. Da merkte ich, wie schwer meine Beine waren.
Gewonnen habe ich ein Paar Laufschuhe und einen großen Rettungsring! Da er nicht in meinen Koffer passte, ließ ich ihn um meinen Hals baumeln, bis ich wieder in Münster war.
Ich fand den Lauf sehr abwechslungsreich und landschaftlich schön. Es war eine große Herausforderung für mich! Ich kann ihn nur jedem empfehlen, der an seine Grenzen gehen will!





Links:

http://www.welt.de/die-welt/politik/article9279864/Schau-heimwaerts-Achim.html

http://www.focus.de/panorama/welt/buntes-trendsport-rueckwaertslaufen_aid_546525.html

http://www.bild.de/BILD/regional/hamburg/dpa/2010/08/29/rueckwaertslaeufer-besteht-halbmarathon-in.html

http://www.abendblatt.de/hamburg/article1614573/Das-Ende-zuerst-Aretz-laeuft-rueckwaerts.html

http://archiv.mopo.de/archiv/2010/20100829/hamburg/panorama/wer_laeuft_denn_da_falsch.html

http://www.sueddeutsche.de/leben/momentaufnahmen-bilder-des-tages-1.986358-9

http://www.fnp.de/fnp/welt/politik/rueckwaertslaufen-liegt-im-trend_rmn01.c.8124873.de.html