Weltrekordhalter im Rückwärtslaufen im Halbmarathon in 1:35:49 h
   
  Achim-Aretz
  Der ehem. Weltrekord im Marathon
 
Ein perfektes Wochenende in Frankfurt

Beim 29. Frankfurt-Marathon am 31. Oktober 2010 ist es mir gelungen, die 6 Jahre alte Weltrekordzeit des Chinesen Xu Zhenjun über die Marathondistanz im Rückwärtslaufen um 58 Sekunden auf 3:42:41 Stunden zu verbessern.

Die Einladung zur Pressekonferenz am Freitag, den 29. Oktober, war für mich eine große Ehre. Wie sich rausstellte, war ich der einzige weiße Läufer auf dem Podium. Links von mir saß der Kenianer Wilson Kipsang, den ich fragte, wie schnell er den Marathon laufen wolle. "2:06, maybe 2:05." Ich gab ihm meine Anerkennung zu verstehen. Es sollte eine 2:04:57 werden und damit die 8 schnellste jemals gelaufene Marathonzeit. 
"And you? 2 hours and what?" "No", entgegnete ich ihm, "3:40 hours, I am running backwards." Er lachte und sagte, dass er mir das nicht glaube. Ich überzeugte ihn mit einem Bericht aus dem vor uns liegenden Marathonheft.

               
                 

Nach der Pressekonferenz wurde ich als Studiogast zu einem hessischen Radiosender eingeladen. Dort sagte mir die Moderatorin, dass sie ein 100 m- Wettrennen gegen mich vorhabe - sie vorwärts und ich rückwärts. In den Tagen zuvor hatte ich immer wieder einen leichten Druckschmerz im linken Schienbein, der bei Belastung stärker wurde. Gott sei Dank merke ich nichts davon bei dem Wettlauf, den ich allerdings verlor.

Am Abend machte ich vor den Wolkenkratzern der Stadt meine letzte kurze Retroeinheit. Hinter mir sah ich eine Gruppe von Jugendlichen, durch deren Kleidung und Wortwahl ich schnell erkannte, dass sie in der Pupertät waren. Als ich mich ihnen näherte, stellte ich mich darauf ein, doof angemacht zu werden. Doch alles, was sie zu mir sagten war: "Viel Glück für Sonntag."

Für den Marathon wurde mir eine offizielle Radbegleitung zur Verfügung gestellt, die ein guter Freund wahrnahm. Außerdem begleiteten mich mit einem anderen guten Freund und einem Vereinsmitglied zwei Begleitläufer.
Um die Weltrekordzeit von 3:43:39 h zu unterbieten, durfte ich mir allerhöchstens eine km-Zeit von 5:18 min erlauben. Unsere angepeilte Laufzeit betrug 5:10 min/km.

Im etwa 20.000 Läufer großen Startfeld stellten wir uns in die 3. Reihe neben die Läufer, die deutlich unter 3 h laufen wollten. Ich hatte kurz Bedenken, ob wir nicht von all den Läufern überrannt werden. Dennoch ist es immer noch viel angenehmer, überholt zu werden als selbst zu überholen.

Als der Startschuss fiel, drehte ich mich um und ließ geschützt durch die Bande links und die beiden Begleitläufer vor und hinter mir die rennende Schar von Läufern an uns vorbei. Dennoch hielt ich meinen Kopf konstant gedreht. Wenn es einem Läufer gelang, in unseren Schutzraum einzudringen, strömten sogleich viele Läufer hinterher und erhöhten unbewusst die Gefahr eines Sturzes. Ich war sehr froh, als nach schon einem km mehr Freiraum vorhanden war, so dass ich mich nicht mehr umzudrehen brauchte. Die Skyline von Frankfurt war so hoch, dass ich nicht lieber nicht bis zu den Dächern hochschaute.


 
Beflügelt von der Atmosphäre an der Strecke und der Unterstützung der anderen Läufer liefen wir auf den ersten km Zwischenzeiten von etwa 5:08 min. Hinweise der Begleitläufer wie „rechts laufen“ oder „Linkskurve in 30 m“ übersetzte ich problemlos in „links laufen“ und „Rechtskurve in 30 m“.
 
Nach Fragen wie „Laufen Sie den ganzen Marathon so?“ oder „Sind Sie der Rückwärtsläufer?“ entwickelten sich so lange kleinere Gespräche mit den Läufern, bis sie sich in meinem Rücken befanden. Eine Essener Läuferin erkannte mich und wurde zufällig zur dritten Laufbegleitung. Eigentlich wollte sie eine 3:30 h laufen, aber dafür, live bei einem Weltrekordversuch dabei zu sein, nahm sie auch eine langsamere Endzeit in Kauf.
 
Nach 10 km hatten wir eine Zwischenzeit von 51:18 min, was eine km-Zeit von 5:08 min bedeutete. Bislang bedeutete das Rennen keinerlei Anstrengung für meine Beine und hat großen Spaß gemacht. Alles schien so leicht. Das bunt gefärbte Blattwerk der Bäume leuchtete vor dem strahlend blauen Himmel und ich fands ein bisschen schade, dass ein knappes Viertel schon vorbei sein sollte.
 
Bei km 11 erhielten wir zusätzliche Unterstützung vom Begleitfahrrad. Plötzlich und immer stärker spürte ich Schmerzen in meinen Füßen. Die Vorderfüße waren bereits halbtaub. Zunächst versuchte ich, die Schmerzen zu ignorieren. Aber dann entschied ich mich dazu bei km 13 anzuhalten und meine Schuhe lockerer zu schnüren. Da ich bei jedem Schuh je einen Doppelknoten auf und wieder zu machen musste, verlor ich so etwa eine Minute. Durch das unmittelbar bessere Laufgefühl bereute ich diesen Schritt jedoch keineswegs.


 
15 km dauerte es, bis die Läufer um uns herum in unserem Tempo liefen und wir nicht mehr überholt wurden. Dies bedeutete zugleich, dass wir etwas langsameren Läufern immer wieder ausweichen mussten. Vielen, vielen Dank an euch Begleithelfer, die ihr immer an mich mitdenken musstet, um mich auf Gefahren hinzuweisen.
 
Weil sie das so gut gemacht haben, musste ich mich fast gar nicht umdrehen. Das hieß im Umkehrschluss, dass ich nur bruchstückhaft mal gesehen habe, wo ich hinlaufe, und mir so kein Bild von der Länge der bisher gelaufenen Strecke machen konnte. Als wir bei km 20 vorbeikamen, hätte ich niemals gedacht, dass wir schon so lange unterwegs sind. Ich hatte dafür einfach viel zu wenige Eindrücke gesammelt.
 
Nach der Hälfte hatte ich eine sehr zufriedenstellende Zeit von 1:49:15 h, was einem km-Schnitt von 5:11 min entsprach. Doch merkte ich an leisen körperlichen Anzeichen, dass die zweite Hälfte sehr viel härter werden würde.
 
Nun dachte ich nur noch in 5 km-Schritten, um zu verdrängen, wie lange die Strecke noch ist. Plötzlich und unerwartet stieg die Essener Läuferin bei km 24 aus. Wenn sie schon aussteigt, kann es dann nicht noch mal passieren? Der Mann mit dem Hammer, der kommt doch erst in 10 bis 15 km.
 

Nun wurden nicht nur die km um einige Sekunden langsamer, sondern auch anstrengender. Kann das bis zum Ende gut gehen oder sind das die ersten Anzeichen eines Einbruchs?
 
Jede Art von Unterhaltung wurde meinerseits eingestellt. Dadurch konzentrierte ich mich immer mehr aufs Laufen und geriet in einen Tunnelblick. Auf der einen Seite nahm ich die Zuschauer am Rand wahr und sah die anderen Läufer, auf der anderen Seite war das alles ganz weit weg. Kurz nachdem ein weiterer Begleitläufer dazustoß, zeigte die 30 km-Zwischenzeit 2:36:10 h (km-Schnitt von 5:12 min). 
 
Die nächsten km wurden gefühlt immer länger und länger. Nun ging es auf einer etwa 5 km langen Gerade wieder zurück ins Frankfurter Zentrum. Da ich mich nun km lang nicht umguckte, verstärkte sich der Tunnelblick sogar. Um sicherzugehen, dass ich überhaupt noch laufe, schaute ich immer wieder in die Hausfenster, in denen ich mich spiegelte.
 
Da ich mich immer mehr auf meinen Laufstil konzentrieren musste, gelang es mir nicht mehr, auf einfache Hinweise zu reagieren. „Rechts“ und „links“ wurden ersetzt durch „näher zu mir“ und einen ausgestrecktem Arm als Wegweiser. Einmal übersah ich sogar den und lief in den Begleitläufer herein.
 
Bei km 35 verriet die Zwischenzeit von 3:03:06 h, dass die letzten 5 km in nur je 5:24 min waren. Allerdings durfte ich mir nun eine 5:30 min auf dem km erlauben. Da ich nun aber die psychischen und körperlichen Grenzen erreichte hatte, dachte ich nur noch von km zu km. Weiter, immer weiter!
 
Die größten Glücksgefühle entstanden dann, wenn die Begleitläufer den nächsten km ankündigten, da ich diesen ja nicht sah. Der gefühlte Abstand dieser Glücksmomente wurde jedoch immer länger.
 
Ich redete mir ein, dass ich es gleich geschafft hätte, dass gleich die Festhalle da wäre und sich mein Kopf endlich ausruhen dürfte. Dennoch waren die km 38 und 39 am härtesten.
 
Als wir bei km 40 und einer Zwischenzeit von 3:30:30 h und einer durchschnittlichen km-Zeit von 5:16 ankamen, wusste ich, dass ich es schaffen würde. Auf einmal erwachte ich aus dem Tunnelblick und konnte das Laufen wieder genießen.
 
Als wir in die Festhalle einliefen, drehten sich die angemeldeten Begleitläufer um und liefen, ebenfalls rückwärts, mit mir nach 3:42:41 h über die Ziellinie. Damit unterbot ich den alten Weltrekord um 58 Sekunden!



Ein herzlicher Dank richtet sich an die Helfer. Ohne euch hätte ich es nicht geschafft! Und ich habe mich riesig gefreut, dass die ganze Family aus Essen angereist ist. Wenn auch Du, Xu Zhenjun, die weite Reise nach Deutschland antreten willst, dann löse ich mein Versprechen ein und lade dich herzlich zu einem Reisgericht ein.


Links:

Streckenvideos:
http://www.asics.de/frankfurt_runnerstv/?e=FM10M&n=Achim%20Aretz&r=10474&l=EN&tp_f=&ct_s1=10:00:48&nt_s1=00:00:00
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http://www.rtl-hessen.de/videos.php?video=12016

http://www.ffh.de/addons/mediaplayer/index.php?music=18279

http://www.fnp.de/fnp/sport/ueberregional/drei-deutsche-weltrekorde_rmn01.c.8392038.de.html

http://www.grevenerzeitung.de/lokales/muenster/sport/Der-Blick-zurueck-nach-vorn;art1004,1090027

http://echo-muenster.de/node/25998

Fotos:


Gregor Schlüter, der 99-jähriger Fauja Singh und ich.



Unsere Crew mit Dieter Baumann


Marathon-Training rückwärts: Wie sieht sowas aus?

Am 31. Oktober um 10 Uhr fällt der Startschuss zum diesjährigen Frankfurt Marathon. Der Veranstalter rechnet mit 13.000 Teilnehmern. Nach dem Köln-Halbmarathon mit 11.000 Läufern ist die Wahrscheinlich nun also noch größer, im Startfeld einen anderen Rückwärtsläufer zu finden! Mal schauen!  In dieser Kalenderwoche werde ich auf jeden Fall nicht der einzige sein, der das Projekt "Marathon rückwärts" umsetzen wird. Der Ire Garret Doherty, der über die 10.000 m bei der Retro-WM in Österreich hinter mir Zweiter wurde, ist am Montag, den 25. Oktober, den Dublin-Marathon rückwärts in 5:21 Stunden gelaufen.

Die Entscheidung dafür traf ich Anfang September, also 9 Wochen vor dem Marathon. Ich schrieb mir einen Trainingsplan, in dem Vorwärtseinheiten nicht mehr vorgesehen waren. Zum Glück blieb ich in den kommenden Wochen verletzungs- und erkältungsfrei, so dass ich den Trainingsplan in die Tat umsetzen konnte.

Der Trainingsplan sah 5 Einheiten pro Woche vor. An den Wochentagen lief ich in 3 Einheiten zusammen 45 km. Meistens teilten sich die Distanzen in einen 10-, 15- und 20 km-Lauf auf, die jedoch im Bereich von einigen km schwanken konnten. Nach einem anschließenden Ruhetag lief ich eine lockere Einheit von 10 bis 12 km und am folgenden Tag eine lange Einheit. Diese wurde von Woche zu Woche immer länger. Die langen Einheiten waren 29 km (in 2:40 Stunden), 31 km (in 2:50), 32 km (in 3:00), 36 km (in 3:15) und 30 km (in 2:45) lang. Solche Leckerbissen leistete ich mir aber nur, wenn die Wochen halbmarathonfrei waren. So verzichtete ich in der Woche des Tegernseelaufs am 19. September und des Köln-Halbmarathons am 3. Oktober auf die lange Einheit. Weil 7-5-2=0 ist, lief ich in den zurückliegenden 7 Wochen also entweder eine lange Einheit oder einen Halbmarathon in Weltrekordzeit. Dazu kommt, dass ich vor 8 Wochen den Halbmarathon in Hamburg-Blankenese lief. Damals wusste ich jedoch noch nichts von meinem Plan.

Ich muss mich korrigieren. 3 Mal in den letzten 7 Wochen konnte ich sehen, wo ich hinlaufe. Vorwärts lief ich 2 kurze Trainingsläufe und bei der Münster-Marathonstaffel 10 lange km. Die haben mir gezeigt, wie hart Vorwärtslaufen ist. Noch 2 Tage danach hatte ich so einen höllischen Muskelkater wie lange nicht mehr.

Durchschnittlich lief ich in den letzten 7 Wochen wöchentlich ungefähr 80 km rückwärts. In einer Woche habe ich es mal auf 95 km geschafft.

Nun, 2 Wochen vor dem Marathon, nehme ich raus und will mich erholen. Mehr als 10, höchstens 15 km will ich nun nicht mehr laufen.

Zielzeit ist eine 3:43:38 Stunden. Xu Zhenjun, wenn Du das hier liest, hallo! Wenn ich es schaffen sollte, Deine Weltrekordzeit von 3:43:39 Stunden zu unterbieten, lade ich Dich zu einem Reisgericht ein. Die Hundbeilage musst Du aber selber bezahlen.


Mehr unter:

http://www.leichtathletik.de/index.php?SiteID=28&NewsID=29813&et_cid=1&et_lid=1

http://www.faz.net/s/Rub9CD731D06F17450CB39BE001000DD173
/Doc~E8A11F76A3C2D4D2D951E57DA03AD3B87~ATpl~Ecommon
~Scontent.html


http://www.fnp.de/fnp/sport/ueberregional/laufend-neue-rekorde_rmn01.c.8261940.de.html 

http://www.journal-frankfurt.de/?src=journal_news_einzel&rubrik=4&id=10172

http://top-nachrichten-24.com/content/eansicht.php?nid=10749  

 
http://www.fr-online.de/rhein-main/der-geisterlaeufer/-/1472796/4789610/-/index.html

   
http://www.echo-online.de/sport/leichtathletik/Jagd-nach-Rekorden-geht-weiter;art2397,1338623     

http://www.fr-online.de/frankfurt/der-geisterlaeufer/-/1472798/4789184/-/index.html