Weltrekordhalter im Retrorunning über 10 km in 40:02 min, über 10.000 m in 41:26 min, im Halbmarathon in 1:35:49 h und im Marathon in 3:42:41 h
   
  Achim-Aretz
  Kolumnen
 

Rückkehr nach vorn:
 
Ich habe mich dazu entschlossen, mit dem Rückwärtslaufen aufzuhören. Nachdem sich ein  mulmiges Bauchgefühl diesbezüglich bereits im Herbst 2011 bemerkbar gemacht hatte, wechselten sich seitdem die Argumente für und gegen eine Fortsetzung immer wieder ab. Mal war ich Feuer und Flamme für eine neue Saison mit der Jagd auf neue persönliche Bestzeiten und Weltrekorde (in dieser Stimmung schrieb ich die Saisonplanung für 2012 nieder), aber immer öfter konnte ich mir das überhaupt nicht mehr vorstellen. Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde die Entscheidung dann.
 
Die Gründe liegen auf der Hand.
-         Die Leistungsanforderung aus der Kombination von Beruf und Sport habe ich unterschätzt. Seit Anfang 2011 promoviere ich an der TU Darmstadt. Es ist mir manchmal sehr schwer gefallen, mich nach einem langen Arbeitstag noch für eine Trainingseinheit zu motivieren. Im Studium war es noch sehr viel einfacher, den Sport in den Alltag einzubauen.
 
-         Außerdem trainiere ich rückwärts fast immer alleine. In der Gruppe macht Laufen einfach mehr Spaß. In meiner Studienzeit in Münster hatte ich eine oder mehrere Laufgruppen, denen ich mich anschließen konnte. Irgendjemand hatte immer Zeit für eine kleine Runde. Und es gab ja sogar Rückwärtsläufer in Münster! Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie wir einmal zu sechst rückwärts um den Aasee gelaufen sind! In Darmstadt immer alleine rückwärts zu trainieren, hat irgendwann einfach keinen Spaß mehr gemacht.
 
-         Und da ist und bleibt eben dieses Bauchgefühl. Wie groß war die Motivation auf den Frankfurt-Marathon! Mensch, ich konnte in den Tagen davor fast nicht mehr einschlafen. Oder wenn ich noch weiter zurückgehe. Wie erfüllend war das Gefühl  meines ersten Halbmarathon-Weltrekordes im November 2009? Wenn ich vor 2 Jahren, einem Jahr oder selbst einem halben Jahr noch in mich reinhörte, spürte ich die Vorfreude auf weitere Laufveranstaltungen und den Hunger auf neue Bestzeiten. Doch jetzt sagt mir mein Bauchgefühl, dass ich mit dem Rückwärtslaufen lieber wieder aufhören sollte. Eine neue harte Saison würde sich auf meine Leistungsfähigkeit im Job auswirken und wäre mit vielen Entbehrungen verbunden. Wenn ich weitermachen würde, würde ich einfach einen zu hohen Preis dafür zahlen.
 
Seitdem ich die Entscheidung getroffen habe, geht’s mir besser. Nun kann ich auf eine ereignisreiche und erfüllende Zeit zurückschauen, in der mir gleichzeitig immer klar gewesen ist, dass es nur eine Phase bleiben würde. Irgendwann, das wusste ich immer, würde ich mit dem Rückwärtslaufen wieder aufhören und wieder zum Vorwärtslaufen zurückkehren. Ich freue mich darauf, nun wieder einer von vielen zu sein und hoffentlich bald wieder eine nette adäquate Trainingsgruppe zu finden.
 
Ich hätte zu Beginn meiner Rückwärtslaufzeit nie gedacht, dass ich mal 40:02 min auf 10 km rückwärts laufen kann, geschweige denn einen ganzen Marathon! Was mit einem reinen Spaß anfing, entwickelte sich zu einer Leidenschaft, die phasenweise keine Grenzen kannte. Sonst hätte ich die 95 km rückwärts in einer Woche in der Vorbereitungszeit auf den Frankfurt-Marathon wohl auch niemals geschafft. Doch es waren gar nicht mal die sieben Weltrekordläufe und die Zeiten allein, die meinem Urteil nach den Erfolg ausgemacht haben. Der Erfolg ist ein persönlicher. Es ist die Erkenntnis, dass es sich lohnt, neue, andere Wege zu gehen, dass Mut belohnt wird und dass das Leben sehr viel Überraschendes parat halten kann, wenn man eine neue Sache anfängt und eben nicht weiß, wohin der Weg führt.
 
Ganz aufhören möchte ich aber trotzdem nicht. In Zukunft werde ich mich im Training gelegentlich immer mal wieder umdrehen, wenn mir danach ist oder einfach, um Erinnerungen zu wecken. Außerdem freue ich mich jetzt schon sehr auf die Weltmeisterschaft in Spanien Ende August 2012, zu der ich mit vielen Freunden fahren werde, und über jeden zusätzlichen WM-Teilnehmer, der das Rückwärtslaufen mal ausprobieren möchte.


Begegnung!

Der Wald ist ein Ort der Ruhe. Kilometerlang folge ich schon den schmalen Wegen, mal so weit das Auge reicht, mal auf engen Kurven, aber immer ohne einen Menschen zu sehen. Die Luft ist so rein, dass ich förmlich spüre, wie sie mich von innen reinigt. Die großen, alten Bäume beeindrucken mich. Sie stehen dort seit Jahrzehnten und Jahrhunderten, während sie für wenige Momente in mein Blickfeld geraten und gleich wieder verschwinden.

Die gute Bodenbeschaffenheit lässt auch die letzten Zweifel zerplatzen, ob man auch in Wäldern lange rückwärts laufen sollte. Die Ruhe im Wald erlaubt es mir, mich auf meinen Gehörsinn zu verlassen und auf ein häufiges Umschauen zu verzichten. Als ich dies doch tue, erblicke ich etwas besonderes. Ich schaue genauer hin und erkenne einen Läufer in roter Laufbekleidung, deren Farbe nicht in diese Umgebung passt.

Während ich mich nähere, stelle ich fest, dass er sich nicht bewegt. Er steht da und schaut mir zu. Ich sage „hallo“, als ich an ihm vorbei laufe. Daraufhin sagt er: „Ach, so sieht das also aus!“ Während ich mich von ihm entferne, rufe ich ihm hinterher: „Ich kann das nur empfehlen!“ „Ich weiß,“ erwidert er, „ich auch!“ Ich laufe weiter und versuche zu verstehen. Nun muss ich laut rufen, um verstanden zu werden. „Wie, machst du das etwa auch?“ Er fängt an zu lachen und bejaht! Ich bleibe stehen.

Freude liegt in der Luft. Wir gehen aufeinander zu und geben uns die Hand. Für einige Minuten laufen wir zusammen rückwärts weiter. Ich kläre ihn auf, dass es Welt- und Europameisterschaften gibt, während er mir erzählt, dass er durch das Rückwärtslaufen high wird. Bevor er sich verabschiedet, verabreden wir uns zum gemeinsamen Training. Wir halten Augenkontakt, während wir uns rückwärts laufend voneinander entfernen. Seine Freude über diese Begegnung kann ich länger hören als sehen. Aber irgendwann erreicht auch sein Gesang mein Ohr nicht mehr.

 

Im November

Draußen ist es kalt. Meine Güte, sind die Wolken schwarz, oder wird es schon wieder dunkel? Ich laufe los - vorwärts. Darauf habe ich mich also monatelang gefreut. Nun kann ich also wieder in Laufrichtung gucken. Der Himmel, die Straße, die Häuser - vor mir ist alles grau. Die Schritte sind schwer, die Oberschenkel schmerzen. Wie kann mir eine halbe Stunde so lang vorkommen, wenn ich vor wenigen Wochen noch das Doppelte, Vier - und Sechsfache der Zeit rückwärts gelaufen bin?

Ich werde von einem laufenden älteren Ehepaar überholt. Ihr gemeinsames Lachen kann mich nicht anstecken. Ich lasse sie ziehen und sie verschwinden. Meine Laufstrecke habe ich nun verlassen, ich irre herum. Ohne zu wissen, wo ich bin, erreiche ich eine Wiese. Ich laufe zu einem kahlen Baum.

Ringsherum verstreut liegt sein goldenes Laub. Ich versinke in Erinnerungen, denke an den strahlend blauen Himmel in Frankfurt, an das atemberaube Panorama am Tegernsee, an die kurzweiligen Trainingsbekanntschaften mit interessierten Passanten.

Ich komme ins Straucheln und falle, ohne es zu merken, ins Laubbett. Auch die zunehmende Lautstärke nehme ich nicht wahr. Plötzlich erwache ich und sehe mich auf der Ladefläche eines Traktors liegen, der das Laub auflädt. Hastig ziehe ich mich an den kalten Ästen des Baumes nach oben, während der Traktor mit dem Laub davon fährt. Ich stehe vor dem Baum und sehe, dass alle anderen Bäume  auch kahl in der Gegend rumstehen. Es fängt an zu regnen. Ich will wieder rückwärts laufen.



Eine Retroeinheit:

Die Sonne steht hoch am Himmel. Sie scheint in die Wohnung und sieht, wie ich mir meine Laufschuhe anziehe, ein Shirt überstreife. Ich schließe meine Tür ab, wohl wissend, dass es dunkel ist, wenn ich wieder zurück bin.

Ich trete vor die Tür. Unsicher gehe ich zur Straße. Soll ich es wieder tun? Oder kommt nicht etwas im Fernsehen? Soll ich nicht noch mal meine Mails checken? Um mich herum scheint alles normal zu sein. Da, eine Frau geht mit ihrem Hund spazieren. Da, ein Auto fährt vorbei. Da, Kinder spielen. Soll ich wirklich wieder von der Norm abweichen? Ich werde geblendet. Die Sonne steht über den Bäumen, über den Häusern, über allem, das mich umgibt und scheint sich nicht zu rühren. Wie weit ist die Dämmerung weg? 3 Stunden? Ich drehe mich um und laufe los.

Die ersten Meter sind schwer. Mein linker Fuß schmerzt. Das tut er immer öfter. Dem Fuß ist kalt. Mir ist kalt. Nach 2 Minuten erreiche ich eine viel befahrene Straße. Ich warte.

Auf der anderen Seite laufe ich weiter. Ich stelle mir keine Fragen. Lauf einfach weiter. Unbemerkt kommen mir Bilder und Erlebnisse in den Sinn. Ich fange an, nachzudenken, zurekapitulieren. Jetzt ist für mich das Rückwärtslaufen Teil der Norm.

Die Gefahr, dass ich nicht sehe, wo ich hinlaufe, habe ich längst  herabgestuft. Die Ängste vor Stürzen, einem Umknicken, einem Crash mit einem  Fahrrad oder Auto, sind seit langem verschwunden.

„Du läufst falsch herum!“ Aha, Passanten. Ich drehe mich zu ihnen um und weiß, dass sie eine Antwort erwarten. „Nein, das ist richtig rum!“ Nachdem ich an ihnen vorbeigelaufen bin, sehe ich, dass sie mir ungläubig hinterher gucken. Ach ja, ich falle ja auf, gestehe ich mir ein. Ich überhole ein Rentnerehepaar auf ihren Fahrrädern. „Helmut, jetzt sind wir schon so lange verheiratet, aber das haben wir noch nicht erlebt!“ höre ich die ältere Dame sagen. Sie wollen wissen, wie es war, in Österreich. Er erzählt mir, dass er den Drachenfels bei Bonn auch schon mal rückwärts hoch gewandert ist.

Mittlerweile zeigt meine Uhr 30 Minuten. Ich bin gut reingekommen und fühle mich fit. Noch weiß ich nicht genau, welche Strecke ich heute laufen will. Ein Blick nach oben verrät mir nur, dass die Sonne immer noch ziemlich weit oben am Himmel steht.

Nicht schon wieder! Aus meinem Augenwinkel sehe ich einen Vorwärtsläufer, der in die Richtung läuft, in die ich auch unterwegs bin. Er wird immer größer und schließlich hole ich ihn ein. Als ich ihn überhole, schaut er kurz zu mir  rüber und schnell wieder nach vorn. Ich versuche, den Blickkontakt zu  vermeiden, aber trotzdem werden die nächsten Sekunden unangenehm.

Ein Auto nähert sich mir, reduziert seine Geschwindigkeit und fährt neben mir her. Die Fensterscheibe geht runter und der Mann am Steuer fragt: „Sind Sie´s oder sind Sie´s nicht?“ Ich frage, wer ich sein soll. „Der aus dem Funk und Fernsehen?“ Ja, antworte ich. „Das ist ja toll, dass ich Sie mal in Aktion sehe.“ Er fahre jetzt in ein nahegelegenes Restaurant. Ob das eine Einladung war, mitzukommen? Schließlich fährt er weiter. Während das Auto seine Geschwindigkeit wieder erhöht, sieht mich seine Familie staunend an.
 
Mittlerweile bin ich eine Stunde unterwegs. Dass ich noch zwei weitere vor mir habe, daran denke ich lieber nicht. Mein Kopf würde sich dann bei mir beschweren und womöglich die Beine schwer machen. Ich denke lieber an die Halbzeit in 30 Minuten.

„Das passiert wohl, wenn man morgens seine Tabletten nicht nimmt.“ Danke schön. Ein nett lächelnder Opa gestikuliert mit seinem Stock. Ich lache freundlich zurück.

Wieder sehe ich einen Läufer vor mir laufen. Er hat wieder ein schwarzes Shirt an. Oh nein, es ist derselbe wie vor einer halben Stunde. Solche Situationen kommen immer wieder vor. Wieder überhole ich ihn und versuche  dabei, ihm mit einem Lächeln klar zu machen, dass es nicht böse gemeint ist.  Er scheint mich gar nicht zu beachten und vermeidet seinerseits den Blickkontakt.

Ich überhole eine Frau, die mich sofort erkennt. Sie laufe seit kurzem auch rückwärts. Eh ich mich versehe, dreht sie sich um und läuft so lange rückwärts, bis ich eine Kurve erreiche und sie aus den Augen verliere.

Halbzeit! Eine Stunde 30 Minuten liegen hinter mir. Normalerweise ist mein Training nach der Zeit wieder beendet. Nun ist gerade mal die Hälfte vorbei. Jetzt nur noch nur mal  dieselbe Strecke. Mein Kopf wird frei und zeigt seinen hohes Einflusspotenzial auf die körperliche Verfassung. Mit einem Schlag werde ich schneller und kann mich kaum bremsen. Die Sonne blendet mich teilweise gewaltig. Sie steht nun schon viel  tiefer und verliert allmählich ihre Kraft.

Ich lege Kilometer für Kilometer zurück und habe vergessen, dass ich schon so lange unterwegs bin. Nun weiß ich, wie meine restliche Strecke aussieht. Ich halte sie für kurz, als ich sie in meinen Gedanken nachzeichne.

Ich laufe an Kindern vorbei, die sich von ihren Eltern gelöst haben und rückwärts vor ihnen her laufen. Ich hebe meinen Daumen, während sie sich wieder umdrehen. Sie sind also nur wegen mir rückwärts gelaufen. Ich denke daran, dass ich gerne mal einem Retrorunner begegnen würde, der es auch von sich aus tut.

Ich komme an einen belebten See. Bei schlechtem Wetter kann man hier ganz für sich sein. Aber heute ist ein strahlender Oktobertag und die Wege platzen aus allen Nähten. Zunächst versuche ich mein Glück und kann durch Antizipieren der Situation geschickt die Passanten als Slalomläufer umkreisen. Doch da ich nicht immer so problemlos weiterkomme, werde ich den See wieder verlassen müssen. Plötzlich höre ich: „Das ist der Weltmeister!“ Ich versuche, die Stimme dem richtigen Passanten zuzuordnen und laufe dabei fast gegen einen Radfahrer.

Nachdem der See hinter mir liegt, erreiche ich die 2-Stunden-Marke. Mir fällt auf, dass die zweite Stunde weniger anstrengend war als die erste. Weil ein Ende zu sehen ist, wird das Laufen vom Kopf her immer einfacher. Der Körper lässt sich von der Euphorie anstecken und fühlt sich gut. Ich kann das Tempo der letzten Kilometer konstant auf einem hohen Level halten.

Plötzlich fällt mir auf, dass ich im Schatten laufe, obwohl ich heute noch keine Wolke am Himmel gesehen habe. Erstaunt suche ich die Sonne und finde sie nicht. Ich orientiere mich am Schatten der Bäume und stelle fest, dass sich die Sonne dahinter befindet.

Die Zeit vergeht immer schneller und mir fällt auf, dass ich schon 2:30 Stunden unterwegs bin. Wie kann es sein, dass die Zeit am Anfang so langsam verging und sie jetzt förmlich
fliegt? Oder bin ich es, der fliegt und es gar nicht merkt? Nein, ich laufe nur rückwärts.

Doch dann spüre ich erstmals meine Waden. Auch die Oberschenkel machen sich bemerkbar. Ich nehme einen Gang raus, doch die Belastung bleibt. Ziemlich rasch gibt mir mein Körper zu verstehen, dass es ihm reicht. Doch mein Kopf ist noch fit.

Ich erreiche die 3-Stunden-Marke, aber bin noch nicht zu Hause. Nun wird jede Minute schwer. Bin ich so platt, weil ich weiß, dass es nicht mehr weit ist? Oder wäre ich auch platt, wenn es noch 10 km wären? Nun fällt mein psychisches Empfinden ebenfalls in ein Loch, in dem es so dunkel ist, wie rings um mich herum. Die Sonne ist längst untergegangen.

Nach 3:15 Stunden bin ich wieder zu Hause. Ich bleibe stehen. Die Straße liegt da in aller Ruhe, als wäre nichts geschehen. Die Kinder haben aufgehört zu spielen. Ich versuche mich an die Strecke zurückzuerinnern. Nur mühsam kann ich die im Rückspiegel gespeicherten Erinnerungen zu einer Strecke zusammenpuzzeln, die 36 km lang war.