Weltrekordhalter im Rückwärtslaufen im Halbmarathon in 1:35:49 h
   
  Achim-Aretz
  Treppenlaufberichte
 
9. Mount Everest-Treppenlauf am 19./20. April 2013

Der 9. Mount Everest-Treppenlauf in Dresden war eine besondere Herausforderung. Zusammen mit zwei Freunden, Alex und Christoph, nahm ich dort an einer Staffel teil. So teilten wir uns die 100 Runden auf, auf denen man je einmal eine 88 m hohe Treppe rauf und wieder runter laufen musste, und die zusammen zwei Marathons in der Länge entsprachen und in der Höhe der Höhe des Mount Everests mit 8848 Metern. Zum Startschuss um 22 Uhr spendete nicht nur die Beleuchtung entlang der Treppe Licht oder die Himmelskörper, sondern auch das Lichtermeer von Dresden, auf das wir einen wunderschönen Blick hatten.


Die Spitzhaustreppe. Sieht kurz aus, war aber ziemlich lang, nämlich 370 Meter und 88 Meter hoch. de.wikipedia.org

Wir wechselten uns nach jeder Runde (840 Meter insgesamt) ab, da man immer völlig kaputt nach jedem Treppenaufstieg in der Wechselzone ankam. Nach je 2 Runden (also 6 insgesamt) traute ich mich und fing an mit unserer Teilnahme zu hadern und stieß damit auf Zustimmung. Außerdem war schon fast eine Stunde rum und auch ohne es zu wollen, fingen die Rechenspielchen an. 6 Runden, 1 Stunde, 100 Runden ...

Kaum konnte ich den Ausblick genießen, kaum die Teilnahme an diesem Event verstehen, geschweige denn die 60 Einzelstarter, die schon 6 Stunden zuvor gestartet waren, somit 24 Stunden Zeit hatten und sich unbedingt am Gipfelkreuz verewigen wollten, auf das die Namen der gefinishten Einzelläufer eingrawiert waren und wie ein stummer Motivator nach jedem Treppenaufstieg auf die Läufer wartete.

Schnell kamen wir mit den anderen Teilnehmern der insgesamt 17 gemeldeten Staffeln ins Gespräch. Einige hatten schon einmal mitgemacht und waren richtig geübt im Treppenlaufen, andere waren so grün hinter den Ohren wie wir und hatten sich einfach aus Jux angemeldet. Alle Teilnehmer lobten die Organisation des Laufs. In einem der beiden Zelte, die als Wechselzone dienten, gab es neben Kaffee und Cola, Suppe, Nudeln, Kuchen, in dem anderen Zelt stand für jede Staffel eine Liege.

Ja, sollte man eigentlich schlafen? Was, wenn irgendwann die Müdigkeit einen besiegen würde, wenn Kälte und Schlafmangel einen ausnocken würde? Nicht lieber mehr Runden hintereinander laufen, damit man dann in einer längeren Pause sich einfach mal aufs Ohr hauen kann?

Es wurde Mitternacht und später. Immer wieder ging es die Treppe runter, dann bis zum Wendepunkt, zurück zur Treppe, die 400 Stufen hoch, in die Wechselzone, abklatschen mit Christoph, ab ins Zelt, den Schweiß abtrocknen, irgendwie runterkommen, sich wundern, warum Alex so fit aussah. Weil er die erste Hälfte der Pause schon hinter sich hatte. Sich wieder wundern, warum Christoph schon wieder oben ist, kurz warten, und wieder auf die Strecke.

So ging es Rund um Rund, Stund und Stund. Aufgehört, die Runden zu zählen, hab ich aber nie, und auch nicht hochzurechnen, wie lange es noch dauern würde, würden wir im selben Tempo weiterlaufen. Nach 30 Runden und ungefähr 4,5 Stunden weiß ich noch, wie schnell man sich immer wieder die Jacke in der Wechselzone angezogen hat, weil es einfach so kalt war, 3°C.

Kaum zu glauben, aber nachdem er anfangs ein paar Einwände hatte, gewöhnte sich der Körper nun an den Rhythmus der harten sich immer wiederholenden Intervalle und dazwischenliegenden Ruhezeiten, in denen man sich an die kurze Zeit zurückliegende Anstrengung fast gar nicht mehr erinnern konnte.

Mit der Zeit verlor ich den Bezug zu eben genau dieser. Es spielte keine Rolle, welche Uhrzeit war, wie viele Runden wir schon in der Dunkelheit gelaufen waren, wie viele noch vor uns liegen würden, man machte einfach weiter. Ebenso drehte sich alles um dieses Event. Hinter der Wechselzone, da, wo wir irgendwann mal herkamen, da stand unser Auto, da lag der Rest der Welt, aber in diesen Momenten war all das völlig unwichtig, es gab nur diesen Lauf.

Nachdem wir morgens um 5 Uhr nach 7 Stunden die 50. Runde vollmachten, hatte ich mich auf ein Hoch gefreut, doch es folgte ein Tief. Wie eine Ewigkeit kam mir dieser Lauf schon vor. Wie viele kleine Tode war man nicht schon auf der Treppe gestorben und wie viele von ihnen hatte man nicht schon wieder verdrängt. Und nachdem die Finishtime von tausenden Marathons weltweit schon überschritten war, hatten wir gerade mal die Hälfte.

Außerdem macht sich nun Alex Knie bemerkbar, das er beim Runterlaufen immer stärker merkte. Eine Pause sollte sein Knie schonen, damit er irgendwie auf die 25 Runden kommen konnte, die jeder Läufer einer Staffel zurücklegen muss, damit sie in die Wertung eingeht. Das allerdings hieß, dass Christoph und ich uns nun erst mal alleine abwechselten. Wie erleichtert waren wir, als Alex nach der nächsten Runde sagte, dass es nicht schlimmer geworden ist und wie erstaunt war ich nun über Christophs Rundenzeiten. 7:16 min, 7:20 min, 7:18 min für die 840 m. Unglaublich stark!

Nachdem Alex wieder eingestiegen ist, tat sich etwas sonderbares. Es wurde hell. Mit einem Mal, als ich die Treppe runterlief, gingen die Lichter Dresdens aus. Wenig später schickte die Sonne schüchtern ihre ersten Sonnenstrahlen auf die Weinberge rund um uns und wir wussten, die Nacht haben wir schon einmal besiegt!

Mit dem beginnenden Tag und der Wärme der Sonne ging es dem Knie von Alex sehr viel besser, bärenstarke Leistung, Alex, und schien Christoph nicht mehr zu stoppen zu sein. Einmal verpasste Alex seinen Start, weil Christoph so schnell schon wieder oben war. Irgendwann lief er dann sogar zwei Runden in 15:00 min und wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Nun waren wir schon so lang unterwegs, aber an ein erfolgreiches Ende war noch lang nicht zu denken. Wir liefen einfach immer weiter, wie Duracell-Männchen, erkannten auf der Strecke immer wieder dieselben Gesichter wie das von Radu, der das Einzelrennen bis Runde 71 angeführt hat, von Katrin, die nach 49 Runden sich 3 Stunden aus Erschöpfung hingelegt hat und danach wieder auf die Strecke ging, von Daniela, die schon nach 6 Stunden nur noch ging und eine Woche zuvor noch einen 100er gemacht hat.

Nach 80 Runden fragte ich Christoph, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir´s packen und er antwortete 50%. Oh man, aber er hatte Recht, würden wir ja noch 3 weitere Stunden auf der Strecke sein. Als hätte er nicht vorhersebare Schwierigkeiten geahnt, fingen nun auch bei ihm Knieschmerzen an, die ihn dazu zwangen, jede Stufe mit demselben Bein hochzugehen.

Angetrieben von der Vorstellung, hier wirklich zu finishen, und von einem wunderschönen sonnigen Morgen, in den wir nun hineinliefen, lief ich zu Hochform auf. Meine Beine hatten sich so sehr an die Belastung des Hochlaufens der Treppe gewohnt, dass es komischerweise nun nach 12 Stunden immer leichter wurde. Deswegen bot ich an, jede zweite Runde zu laufen.

Nun machte das Laufen richtig Spaß und ich konnte gar nicht mehr abwarten, endlich wieder auf die Strecke zu gehen. Ich weiß nicht, was da in mir ausgelöst wurde, ich fühlte mich topfit und lief meine schnellsten Rundenzeiten. An die von Christoph kam ich aber nicht mehr dran.

87, 89, 91, 93, 95, 97, das waren alles berauschende Runden für mich. Wie müsste das Gefühl sein, hier zu finishen? Nach all den Hochs und Tiefs? Nach den Knieverletzungen von Alex und Christoph? Nach stundenlangem Laufen in der Dunkelheit, wo Winter zu sein schien, und jetzt hier mit kurzer Hose im Sommer?

Alex ging auf die letzte Runde und brachte den kleinen Ast mit hoch, den die Finisher unten an der Treppe kriegen, damit der Mikrofonsprecher oben im Start-Ziel-Bereich weiß, dass gefinisht wird. Und dann sahen wir Alex mit dem kleinen aber symbolträchtigen kleinen Ast in seiner Hand! Wir wurden in all den Stunden niemals namentlich erwähnt, da die Hauptkonzentration auf den Einzelstarten lag oder auf den beiden schnellsten Staffel, die sich die ganze Zeit duellierten.

Und nun, als Alex näher kam, finishte gerade ein Einzelläufer mit seinem Kind an der Hand. Riesenrespekt! So ging unser Zieleinlauf nach 13:57 Stunden ziemlich unter und als wir nun zu dritt im Kreis hinter der Ziellinie da standen, zum ersten Mal seit so langer Zeit vereint, da überwog nicht der Jubel oder die Begeisterung, nein eher die Verwunderung ob dieses ganzen Events und ob dieses Moments, dass wir es wirklich geschafft hatten!

Es war ein sehr interessanter Einblick in die Treppen-Ultra-Szene. Wie hoch die Leistungen der 15 Einzelläufer einzuschätzen sind, die in diesem Jahr gefinisht haben, ist schwer zu vermitteln. Siegerzeit in diesem Jahr waren 14:40 Stunden. Unfassbar! Der Streckenrekord unter den Einzelstarten liegt bei 12:50 Stunden. Wir wurden mit unserer Staffel 7. von 15, die ins Ziel kamen. Und wie wir später auf der Ergebnisliste herausfanden, kamen eine Minute nach uns zwei weitere Staffeln ins Ziel. Nach fast 14 Stunden. Rein objektiv waren wir hier also nur Durchschnitt, subjektiv war es für uns eine sehr starke Leistung, an die ich noch lang zurückdenken werde.