Weltrekordhalter im Rückwärtslaufen im Halbmarathon in 1:35:49 h
   
  Achim-Aretz
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Tolle Tage in Spanien

Bei den 4. Weltmeisterschaften im Rückwärtslaufen im spanischen Lleida am 25. und 26. August 2012 gelang es mir, Weltmeister über 5.000 und 10.000 m zu werden.

Zusammen mit vier guten Freunden (Alex, Eric, Marc und Christoph) reiste ich zur diesjährigen WM an. Es war ein komisches Gefühl, in einem Hotel einzuchecken, wo wir doch bei der 2. WM in Italien und bei der 3. WM in Österreich jeweils gezeltet haben. Bei  nächtlichen Temperaturen von fast 30° und der Abstinenz eines Campingplatzes in mittelbarer Umgebung blieb uns gar nichts anderes übrig.

Um uns mental auf die Wettkämpfe einzustellen, lasen wir uns Passagen aus dem Buch „An die Pioniere des Rückwärtslaufens“ von Christian Grolle vor, der seit 1978 selbst Pionier dieser Sportart ist und sich als deren internationaler Impulsgeber bezeichnet. In diesem Buch lässt er die Geschichte des Rückwärtslaufens von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart Revue passieren, erzählt von der schier unglaublichen USA-Durchquerung des Inders Arvind Pandya von Los Angeles nach New York in 107 Tagen im Jahr 1984 und gibt dem Leser mit Nachdruck zu verstehen, dass es höchste Zeit ist, entgegen der Schnelllebigkeit der Wert den Rückwärtsgang einzulegen. Einige Sätze sind einfach zum Schreien: „Wenn Sie nie versucht haben, rückwärts zu laufen, sind sie nur ein eingleisiger, einseitiger, konservativer Läufer – wenn überhaupt ein Läufer.“

Am Freitag Abend trafen sich etwa 50 Rückwärtsläufer aus aller Welt zu einem Wiedersehentreffen im Zentrum von Lleida. Italiener waren da, Spanier, ein brasilianischer Professor, ein Venezuelaner, weitere Deutsche mitunter Roland Wegner, der Ire Garret, der mit mir beim Oelder Citylauf im Juni 2011 an den Start ging, und der sympathische 63-jährige Retep alias Peter aus Österreich. Retep wohnt im Austragungsort der letzten WM in Österreich. Als er sich vor 2 Jahren nur mal eben über das Ereignis im Stadion informieren wollte, sprachen wir ihn an und überredeten ihn lautstark zur Teilnahme. Nachdem er auf Anhieb Bronze über 100 m in seiner Altersklasse gewann, ließ ihn das Retrofieber nicht mehr los und flog als einziger österreichischer Teilnehmer auch zur WM nach Spanien! Insgesamt gingen etwa 100 Teilnehmer aus 10 Nationen an den Start. Sehr gefreut habe ich mich über die Teilnahme von Roland Wegner, Thomas Dold und Ralf Klug, der in der deutschen Botschaft in Kabul arbeitet und dort rückwärts trainiert!


Ein Gruppenfoto mit Italienern, Katalanen, Deutschen und vielen mehr

Am nächsten Tag stand für mich mit dem 5.000 m-Lauf der erste Wettkampf auf dem Programm. Bei Temperaturen von knapp über 30° C im Schatten, von dem das Stadion jedoch frei war, versuchte eine langjährige Erfahrung, nämlich dass ich kein Hitzeläufer sei, wie eine Art Warnung meine Euphorie zu dämpfen. Doch die Euphorie siegte. Die erste Runde legte ich nach 96 Sekunden zurück, die zweite in 99, dann war ich platt. Konstanz, und das hatte ich mir vorgenommen, hatte ich in meinem Rennen, jedoch nur im Angesicht der im selben Abstand zunehmenden Rundenzeiten. Kleingedrucktes und in Klammern Stehendes braucht nicht gelesen zu werden  {[(Die langsamste Runde war in 2:33 min)]}.


Als Rückwärtsläufer hat man die Verfolger immer im Blick.

Nach zwei etwas schnelleren Schlussrunden in je 2:10 min erreichte ich nach 25:36 min die Ziellinie. Ich war doch schon mal 20:25 min gelaufen. Mein erstes Gefühl war Enttäuschung, Enttäuschung als Weltmeister. Wie einen die eigenen Erwartungen doch unzufrieden machen können, war einer meiner ersten Gedanken.

Anschließend fand die 4x400m-Staffel statt, wo Christoph, Eric, Alex und Marc in 6:24 min Gold vor Italien holten! Die Freude war riesig, Emotion pur! Es folgte eine Ehrenrunde und viele Fotos. 



Die Goldstaffel über 4x400 m in 6:24 min (v.l.): Eric, Marc, Christoph und Alex

Ich freute mich riesig mit Ihnen. Als wir am späten Abend essen gingen, jeder mit Medaille um den Hals, stellten wir fest, dass sie auch als Bierhalter diente. Das Loch in deren Mitte hatte genau die richtige Größe.

Am frühen Morgen des nächsten Tages fand das 10.000m-Rennen statt, zu dem sich zu meiner großen Freude auch Marc und Christoph angemeldet hatten. Marcs Bestzeiten vorwärts lassen sich sehen. 30:30 min über 10 km und 1:07 h im Halbmarathon! Auch Christoph hat auch schon viele Marathons vorwärts gefinisht. Aber die Distanz, die sie nun vor sich hatten, waren beide noch nicht rückwärts gelaufen. Dass ich diesmal das Rennen vernünftiger anging und es mir gelang, meine Kräfte besser einzuteilen, ist der Erwähnung überflüssig. Ich freute mich während des ganzen Rennens darüber, dass Marc und Christoph dabei waren und hoffte darauf, dass sie gut durchkommen würden. Sie taten es und es kam noch besser! Nachdem ich die Ziellinie in 50:40 min überquerte, gewann Marc Silber in 53:30 min und lief die zweite Hälfte sogar zwei Minuten schneller als die erste. Auch Christoph lief ein tolles Rennen, das ihm selbst „unheimlich viel Spaß machte“. Wenn es hart wurde und um sich selbst weiter zu motivieren, fing er an zu boxen wie Muhammed Ali, manchmal nur kurz, manchmal über 100 m weit! Er überquerte als dritter die Ziellinie in 62:12 min! Die Siegerehrung ging leider viel zu schnell vorbei. Wir drei auf dem Treppchen, das war ein besonderer Moment!

Was für ein Bild!

Es waren nicht die Zeiten, nicht die Medaillen, nicht die Weltrekorde, die den Wert dieses Ereignisses ausgemacht haben oder hätten. Es waren das Zusammensein mit, ja, Gleichgesinnten aus Europa und aller Welt, das Aufleben des Zusammengehörigkeitsgefühls (obwohl ich mich aufgrund sprachlicher Barrieren mit etwa der Hälfte der Teilnehmer nicht verständigen konnte) und die kleinen Geschichten auf und neben der Tartanbahn, die dieses Wochenende zu etwas besonderem gemacht haben. Ich freue mich jetzt schon auf die WM 2014!